17. Dezember 2004 | Robert-Bosch-Krankenhaus
Neue Medizinische Standards für die Behandlung von Morbus Crohn
Chefarzt des Robert-Bosch-Krankenhauses leitet Europäische Konsensus Konferenz
In vielen Bereichen der Medizin führen neue Erkenntnisse der Forschung permanent zu veränderten Behandlungsmethoden. Der einzelne Arzt ist gefordert, diese Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen. Doch woher nimmt er in jedem Fall das Wissen, welche Art der Behandlung den aktuellen medizinischen Erkenntnissen entspricht? Eine große Hilfe sind ihm dabei sogenannte medizinische „Leitlinien“. Diese Vorgaben werden auf nationaler oder internationaler Ebene von den jeweiligen Experten eines Fachgebiets gemeinsam erarbeitet.
Vor kurzem fand eine der ersten „Leitlinien-Konferenzen“ auf europäischer Ebene statt. Thema war die Krankheit Morbus Crohn, eine chronische Darmentzündung. Für diese Erkrankung lag die Erarbeitung von klaren Behandlungsregeln besonders nahe. Denn die Krankheit ist sehr komplex und tritt in vielen verschiedenen Varianten auf. Der einzelne Arzt hat damit häufig nur wenig Erfahrung, so dass der Bedarf an Orientierungshilfen groß ist. Geleitet wurde die Konferenz von dem Stuttgarter Arzt Prof. Dr. Eduard Stange, Chefarzt der Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie am Robert-Bosch-Krankenhaus. Nachdem Stange vor zwei Jahren schon die deutsche Konferenz zu Morbus Crohn erfolgreich geleitet hatte, bat ihn der Veranstalter – die Europäische Crohn und Colitis Organisation (ECCO), jetzt auch den Vorsitz der europäischen Konferenz in Prag zu übernehmen. Die Tagung war illuster besetzt: 51 renommierte Experten aus 19 Ländern trafen sich, um ihr Wissen zusammenzutragen und einheitliche Standards festzulegen.
Prof. Stange berichtet, wie auf der Konferenz gearbeitet wurde: „In 14 verschiedenen Arbeitsgruppen haben wir die unterschiedlichen Aspekte der Krankheit genauestens beleuchtet. Vorab hatten alle Teilnehmer bereits Fragebögen zu jedem der Themen ausgefüllt. So war sichergestellt, dass die Erfahrungen aller beteiligten Ärzte umfassend in die neuen Leitlinien einflossen. Jede Arbeitsgruppe entwickelte dann für ihren Bereich einen Leitlinien-Vorschlag, der anschließend im Plenum diskutiert und beschlossen wurde.“
Da es sich um eine sogenannte „Konsensus-Konferenz“ handelte, war Einigkeit gefragt: mindestens 80 Prozent aller Teilnehmer mussten einem bestimmten Vorgehen zustimmen, damit daraus eine Leitlinie wurde. Eine Einigung schien den beteiligten Ärzten dabei in der Regel nicht schwer gefallen zu sein, denn insgesamt beschlossen sie etwa 100 Leitsätze.
Prof. Stange zeigt sich mit dem Ergebnis höchst zufrieden: „Im Vergleich zu der nationalen Konferenz vor zwei Jahren haben wir weitere Fortschritte erzielt. So konnten wir Behandlungsmethoden, deren Erfolg nicht erwiesen werden konnte, verwerfen. Dafür können wir jetzt andere, innovative Methoden empfehlen – beispielsweise einen neuen Wirkstoff , der nur an der Darmschleimhaut und nicht am ganzen Körper wirkt und damit weniger Nebenwirkungen hat. Bei stark entzündungshemmenden Medikamenten wie TNF-Antikörpern, die wegen der bisweilen massiven Unterdrückung der Immunabwehr nicht ungefährlich sind, raten wir nach wie vor eher zur Zurückhaltung“.
Nun werden die erarbeiteten Behandlungsvorgaben zusammengestellt, erläutert und vom Leiter der Tagung noch einmal geprüft. Und dann können sie in Fachzeitschriften und im Internet veröffentlicht werden, so dass möglichst viele Ärzte in ganz Europa den neusten Forschungsstand kennen lernen.
Prof. Stange ist zuversichtlich, dass diese Leitlinien auch wirklich überall beachtet werden: „Früher hat ein Arzt oft für viele Jahre das gemacht, was er einmal während seines Studiums gelernt hat. Heute ist der Fortschritt rasant und Fortbildungen verbindlich vorgeschrieben. Dabei bilden Leitlinien immer den Orientierungsrahmen.
Natürlich sind Leitlinien nicht juristisch verbindlich, sondern stellen nur einen Handlungskorridor dar. Aber wenn ein Patient vor Gericht geht, weil er seiner Meinung nach falsch behandelt wurde, sind bestehende Leitlinien maßgeblich. Ein Arzt wird sich also nur bei medizinisch nachvollziehbaren Gründen außerhalb der Leitlinienempfehlungen bewegen. Auf diese Weise werden solche Standards immer wichtiger. Für unsere Patienten ist das natürlich sehr positiv – denn sie können sicher sein, dass ihre Behandlung nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen erfolgt.“
Eines ist Prof. Stange übrigens besonders wichtig: „Wir legen großen Wert darauf, dass wir bei der Festlegung von Leitlinien ganz objektiv vorgehen und nicht etwa von der pharmazeutischen Industrie beeinflusst werden. Daher haben wir auch nach einem unabhängigen Sponsor gesucht – und in der Robert Bosch Stiftung gefunden.“
