27. Mai 2004 | Robert-Bosch-Krankenhaus
„Maximaltherapie“ für Leukämiepatienten im Robert-Bosch-Krankenhaus
Eine neue Therapieform für besonders schwere Fälle von Leukämie und Lymphomen bietet seit einiger Zeit das Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK). Mit der sogenannten „Allogenen Transplantation“ konnten dort bereits vier Patienten erfolgreich behandelt werden.
Bei Leukämie und Lymphomen verfügt die moderne Medizin heute über eine ganze Reihe verschiedener Behandlungsmöglichkeiten. Je schwieriger dabei eine solche Krankheit zu therapieren ist, desto drastischer sind auch die Maßnahmen, die ergriffen werden müssen. Wenn alle anderen Möglichkeiten nicht den gewünschten Erfolg versprechen, bleibt dem Patienten noch die Hoffnung auf die Transplantation von Stammzellen. Hierbei können zum einen körpereigene Stammzellen transplantiert werden – man spricht dann von „autogener Transplantation“. Mit dieser Therapieform haben die Ärzte am Robert-Bosch-Krankenhaus bereits umfangreiche Erfahrungen gesammelt: Über 400 derartige Behandlungen wurden dort schon durchgeführt.
Neu am RBK ist die „Allogene Transplantation“, bei der Stammzellen von nahen Verwandten verwendet werden. Dafür kommen insbesondere Geschwister in Frage - nicht die eigenen Kinder, da sich bei diesen das Erbgut bereits deutlich unterscheiden kann. Für diese Art der hochspezialisierten Behandlung müssen die Kassen zwischen 65.000 und 90.000 € pro Patient aufwenden.
Prof. Dr. Walter-Erich Aulitzky, der Chefarzt der Abteilung für Hämatologie und Onkologie, erläutert, wie er und seine Mitarbeiter vorgehen: „Zunächst testen wir, ob das Erbgut des potenziellen Spenders eng genug mit dem des Patienten verwandt ist. Ist das der Fall, entnehmen wir dem Spender über das Blut Stammzellen. Diese Zellen reinigen wir maschinell mit einem aufwändigen Verfahren. Um die Stammzellen unbeschadet lagern zu können, frieren wir sie auf unter - 150 Grad Celsius ein.“
Beim Patienten wird zunächst das körpereigene Knochenmark mit Hilfe einer hoch dosierten Chemotherapie zerstört. Erst dann kann es durch die gespendeten Stammzellen ersetzt werden: Sie werden aufgetaut und ins Blut gespritzt, wo sie sich selbst den Weg an ihren Bestimmungsort suchen. Bis ein neues Knochenmark gebildet ist, vergehen etwa drei Wochen. Währenddessen werden alle Blutprodukte von außen ersetzt – beispielsweise über Transfusionen. Durch Gabe hochwirksamer Antibiotika muss die Funktion der weißen Blutkörperchen vorübergehend ersetzt werden. Die Patienten stehen in dieser Zeit unter einer starken physischen und psychischen Belastung. Sie müssen intravenös ernährt werden und benötigen intensive Pflege und psychologische Betreuung. Da ihr Immunsystem nicht richtig funktioniert, liegen sie in speziellen Räumen, deren Luftqualität denen eines Operationssaals entspricht. Im Moment stehen im RBK sechs solcher Betten zur Verfügung, nach Fertigstellung einer neuen Station im Sommer dieses Jahres werden es insgesamt 14 Betten sein.
Trotz aller Bemühungen ist das Risiko des Eingriffs nicht zu unterschätzen. Denn mit dem neuen Knochenmark entsteht auch ein neues Immunsystem. Dieses hilft bei der Elimination der Leukämie, kann sich aber auch gegen den Menschen selbst wenden. Am Robert-Bosch-Krankenhaus werden alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um dieses Risiko möglichst gering zu halten: „Unsere Patienten kommen in dichten Abständen zur Kontrolle, anfangs zwei bis drei Mal die Woche. Mit Medikamenten können wir ihre übersteigerte Abwehr stark dämpfen. Aber erst nach einem Jahr können wir sicher sagen, dass die Behandlung erfolgreich war,“ so Prof. Aulitzky.
Bisher sind die Verläufe bei den vier Patienten mit allogenen Knochenmarkstransplantationen sehr positiv. Der erste Patient hat die Transplantation bereits seit einem halben Jahr hinter sich, seine weitere Prognose ist günstig. Auch die drei anderen Patienten sind auf gutem Wege. Für Prof. Aulitzky ist dies ein Beleg dafür, dass sich die umfangreiche Vorbereitung gelohnt hat: „Mit Hilfe von Qualifikationsstipendien konnten wir im Vorfeld mehrere Mitarbeiter an Kliniken schicken, an denen bereits seit längerer Zeit erfolgreich mit allogenen Transplantationen gearbeitet wird – zum Beispiel nach New York, Chicago oder Leipzig. Außerdem haben wir in einem mehrere Monate dauernden Prozess exakte Standardvorgaben festgelegt, nach denen die Behandlungen zu erfolgen haben.“ Für Aulitzky selbst sind allogene Transplantationen eine bereits wohl bekannte Methode. Er war an anderen Kliniken bereits zwei Mal an der Einführung dieser Behandlung beteiligt.
Trotz seiner langjährigen Erfahrung ist er noch immer mit dem Herzen dabei: „Bei einer Erkrankung, die das Leben kosten kann, ist man natürlich sehr froh, wenn alles gut geht und wir den Patienten helfen können. Wir freuen uns, unsere Patienten jetzt mit dem Team weiter behandeln zu können, das sie schon lange und gut kennt. So können wir ihnen eine optimale und durchgängige Betreuung bieten.“
Das ganze Spektrum der Behandlung und Bewältigung von Leukämie oder Lymphomen stellt das Robert-Bosch-Krankenhaus am Samstag, 5. Juni im Rahmen eines Patiententages vor. Die Besucher können sich an diesem Tag zwischen 10.00 und 16.30 Uhr bei verschiedenen Vorträgen und Workshops ausführlich informieren. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
