26. Oktober 2004 | Robert-Bosch-Krankenhaus

Endoskope mit Doppel-Ballon-Technik erobern den Dünndarm am Robert-Bosch-Krankenhaus

Das Robert-Bosch-Krankenhaus beschreitet als erstes Zentrum in Deutschlands Südwesten mit dem Doppel-Ballon-Enteroskop neue Wege, um lokale Veränderungen in bisher unerreichbaren Dünndarmabschnitten besser zu erkennen und therapeutisch zu behandeln. Die Doppel-Ballon-Enteroskopie erweitert als Ergänzung zur Videokapsel-Endoskopie die Möglichkeiten der Dünndarmdiagnostik erheblich und wird die Bedeutung der konventionellen Röntgendiagnostik des Dünndarms (Sellink-Untersuchung) weiter zurückdrängen. Besonders attraktiv sind die neu eröffneten Möglichkeiten der endoskopischen Therapie. „Die Doppel-Ballon-Enteroskopie erschließt die Möglichkeit, in „Echtzeit“ krankhafte Veränderungen optisch zu erkennen, Proben für die Gewebsuntersuchung zu entnehmen und endoskopische Therapiemaßnahmen vorzunehmen“, beschreibt Prof. Stange bei einer Pressekonferenz am Robert-Bosch-Krankenhaus die neuen therapeutischen Möglichkeiten des Doppel-Ballon-Endoskops. Zu den Indikationsgebieten des Doppel-Ballon-Endoskops gehören insbesondere die Abklärung und Behandlung von Blutungsquellen im Dünndarm (nach Ausschluss von Blutungsursachen in Speiseröhre, Magen und Dickdarm), die Unterscheidung von gutartigen Darmentzündungen und bösartigen Dünndarmerkrankungen, die Entfernung von Dünndarmpolypen, Vorsorge bei erblichen Polypenerkrankungen des Verdauungstraktes und die Krebsvorsorge bei bestimmten Dünndarmerkrankungen (Zoeliakie).

Der Dünndarm des Menschen, der sich an den Magen anschließt und in den Dickdarm mündet, ist mit 3-6 Metern der längste Teil des menschlichen Verdauungssystems und deshalb auch am schwierigsten zu untersuchen. Gerade bei Patienten, die laufend etwas Blut aus dem Verdauungssystem verlieren, eine Blutungsquelle durch Gastroskopie oder Coloskopie aber ausgeschlossen wurde, gestaltet sich die Suche nach der Blutungsursache und vor allem ihre Therapie mit den gängigen Methoden sehr schwierig.
In der Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel (Sellink-Untersuchung) gelingt es nur sehr selten, Veränderungen aufzuspüren; flache Gefäßmissbildungen, die häufigsten Ursachen für den chronischen Blutverlust, werden durch diese Methode nicht erkannt. Die sogenannte Push-Enteroskopie (Endoskopie über den Magen mit einem langen Endoskop) erreicht nur etwa 70cm des Dünndarms nach dem Magenausgang. Mit der seit ca. 2 Jahren eingeführten Videokapsel-Endoskopie, die auch am Robert-Bosch-Krankenhaus eingesetzt wird, ist es zwar möglich, Bilder aus dem gesamten Dünndarm zu gewinnen, jedoch bietet diese Methode keine Option zur synchronen Therapie.
Das Doppel-Ballon-Endoskop erobert nun den Dünndarm am RBK
Mit dem Doppel-Ballon-Endoskop kann nun am Robert-Bosch-Krankenhaus der Dünndarm oder Teile des Dünndarms eingesehen und synchron therapiert werden. Chefarzt Professor Dr. med. Eduard F. Stange und Oberarzt Dr. med. Christian Schäfer, Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie am Robert-BoschKrankenhaus erläuterten und demonstrierten den Einsatz der neuen Doppel-Ballon-Enteroskopie im Rahmen einer Pressekonferenz.

Das Doppel-Ballon-Endoskop der Firma Fujinon mit einer Arbeitslänge von 2 Metern und einem Durchmesser von 8,5 mm besitzt vorne einen Latexballon, der mit einer speziellen Pumpe druckgesteuert auf einen Durchmesser von ca. 3-5cm aufgeblasen und abgelassen werden kann. „Mit diesem Ballon gelingt es, die Position des in den Dünndarm vorgeschobenen Endoskops festzuhalten,“ so Dr. Schäfer bei der Pressekonferenz. „Die zweite technische Raffinesse besteht in einem flexiblen Übertubus von 140 cm Länge, der gewissermaßen als Gleitschiene für das Endoskop dient und an dessen vorderem Ende sich ebenfalls ein aufblasbarer Ballon befindet“.

Zu Beginn der Untersuchung sind die Ballons abgelassen. Das Endoskop wird zusammen mit dem Übertubus über Mund, Speiseröhre und Magen bis in den Zwölffingerdarm, den obersten Teil des Dünndarms, vorgeschoben. Der Ballon des Übertubus wird aufgeblasen, was dem System eine stabile Position verleiht. Das Endoskop wird nun durch den Übertubus so weit wie möglich weiter in den Dünndarm vorgeschoben und durch Auffüllen des vorderen Ballons ebenfalls in seiner Position fixiert. Der Übertubus kann nach Ablassen seines Ballons weiter vorgerückt werden, bis beide Ballons hintereinander zu liegen kommen. Da das System jetzt schon relativ weit im Patienten „verschwunden“ ist, erfolgt – während beide Ballons geblockt sind – ein Rückzugsmanöver über ca. 40cm, wodurch der bereits passierte Dünndarm auf dem Übertubus ziehharmonikaartig zusammengeschoben wird. Nun beginnt der Prozess von neuem: Entblocken des Endoskop-Ballons, Vorschieben des Endoskops und erneutes Blocken, Entblocken des Übertubus-Ballons, Nachrücken des Übertubus, Blockade beider Ballons, Rückzugmanöver.

„Mit dieser Methode gelingt es, peu à peu große Teile des Dünndarms auf den Übertubus "aufzufädeln" und so weiter in Richtung Dickdarm vorzudringen“, fasst Dr. Schäfer die neue Technik zusammen. Da es allerdings oft nicht möglich ist, den Dünndarm vom Magen aus in gesamter Länge zu endoskopieren, muss gelegentlich in einer zweiten Sitzung vom After aus über den Dickdarm vorgespiegelt werden, um den unteren Teil des Dünndarms zu inspizieren. Bei dieser Untersuchungsvariante ist zuvor eine gründliche Reinigung des Dickdarms - wie bei der Koloskopie - erforderlich.
Niedrige subjektive Belästigung und niedriges Risiko
Was spürt der Patient? In der Regel nichts. Hier im Robert-Bosch-Krankenhaus erhalten alle Patienten eine Beruhigungsmedikation, die vor und während der Untersuchung gegeben werden kann, so dass die Patienten die Endoskopie „verschlafen“. Dies gilt auch für die Doppel-Ballon-Enteroskopie. „Im übrigen erlaubt es die besondere Bauweise des Endoskops, besonders schonend vorzugehen, was bei den bisherigen endoskopischen Methoden zur Dünndarmuntersuchung – „Push-Enteroskopie“ – schwierig war“, erläutert Prof. Stange die Vorzüge des neuen Endoskops. Die endoskopiebedingten Risiken sind somit gering.

Neue diagnostische und therapeutische Möglichkeiten
Eine Gewebsgewinnung, die mit einer kleinen Zange durch den Arbeitskanal des Doppel-Ballon-Endoskops vorgenommen wird, ist wichtig vor allem bei Befunden, die eine Tumorerkrankung vermuten lassen. Dünndarmtumore sind zwar relativ selten, müssen aber für die weitere Therapieplanung genau eingestuft werden. So müssen manche Tumore
(z.B. Dünndarmkarzinome) einer Operation zugeführt werden, während Lymphome des Dünndarms (Lymphzellenkrebs) zumeist einer Chemotherapie bedürfen. Andererseits können sich bestimmte gutartige Entzündungen, wie z.B. der Morbus Crohn (Crohn-Erkrankung), auf bisher nicht erreichbare Abschnitte des Dünndarms beschränken; hier kann jetzt durch eine Gewebsgewinnung mit dem Doppel-Ballon-Endoskop eine verlässliche Diagnose gestellt werden. Auch die Zoeliakie (Sprue), eine chronische Erkrankung mit einer besonderen Empfindlichkeit gegenüber dem Weizenklebereiweiß, wird sich in Zukunft mit der Doppel-Ballon-Enteroskopie genauer überwachen lassen, um zu vermeiden, dass Komplikationen (z.B. die Ausbildung eines Lymphoms) auftreten. Polypen des Dünndarms kommen spontan oder bei bestimmten Erberkrankungen (FAP, familiäre adenomatöse Polyposis) gehäuft vor und waren bisher fast ausschließlich operativ zu entfernen. Im Rahmen einer Doppel-Ballon-Enteroskopie ist es jetzt möglich, diese Schleimhautwucherungen mittels einer Schlinge – genauso wie bei Dickdarmpolypen - abzutragen.

„Die größte therapeutische Domäne der Doppel-Ballon-Enteroskopie wird jedoch die Erkennung und Beseitigung von Blutungsursachen im Dünndarm sein“, fasst Dr. Schäfer die Einsatzmöglichkeiten des neuen Endoskops zusammen. „Viele Menschen, leiden unter einem schleichenden Blutverlust durch winzige Gefäßmissbildungen im Dünndarm, die bisher praktisch nicht erreichbar waren. Besonders Patienten mit einer erblichen Neigung zu derartigen Gefäßmissbildungen (Morbus Osler) werden hiervon profitieren.“ Diese Angiodysplasien können nun mittels einer Hitzesonde (Argon-Plasma-Koagulation) lokal verödet werden. Sollten stärkere Blutungen auftreten, kann auch ein blutstillendes Medikament in die Dünndarmschleimhaut eingespritzt werden.

Somit können Operationen für diagnostische Klärung von Dünndarmstörungen oder Operationen zur Blutstillung in fernabgelegenen Dünndarmabschnitten mit Hilfe der Doppel-Ballon-Enteroskopie vermieden werden. Sofern eine synchrone endoskopische Therapie nicht möglich ist, lassen sich Dünndarmerkrankungen durch die Doppel-Ballon-Enteroskopie besser einstufen und daher auch die weiteren medikamentösen oder operativen Maßnahmen genauer planen.

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