02. Oktober 2009 | Robert-Bosch-Krankenhaus
Dem Darm helfen, sich selbst zu helfen
Erkenntnisse für die Behandlung von Morbus Crohn mit dem Thannhauser-Preis ausgezeichnet
Menschen, die an der Darmerkrankung Morbus Crohn leiden, sind bislang meist auf die dauerhafte Einnahme immunsuppressiver Medikamente angewiesen, die die Entzündungen des Darms einschränken. Die Forschungsergebnisse einer Arbeitsgruppe am Institut für Klinische Pharmakologie (IKP) sowie am Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) in Stuttgart weisen nun den Weg zu einer neuen, schonenden Therapie. Unter Leitung von Dr. Jan Wehkamp, Arzt der Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie am RBK, in Zusammenarbeit mit Chefarzt Prof. Dr. Eduard Stange konnten neue grundlegende Erkenntnisse zum Verständnis von Morbus Crohn gewonnen werden. Für diese Arbeiten hat die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) Dr. Wehkamp mit dem Thannhauser-Preis ausgezeichnet. Die Preisverleihung findet am heutigen Freitag, 2. Oktober 2009, im Rahmen der DGVS-Jahresversammlung in Hamburg statt.
Morbus Crohn gehört zu den häufigsten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, die Betroffenen leiden vor allem unter dauerhaftem Durchfall, Blut im Stuhl, Schwäche und Fieber. Die Ursache der Krankheit war bislang nicht bekannt, Therapien setzen deshalb bei den Symptomen an, die durch die Einnahme von Immunsuppressiva zwar oft verbessert, nicht aber in ihrer Ursache unterdrückt werden.
Gestörte Immunabwehr
Schon 2003 konnte die Arbeitsgruppe erste Ergebnisse veröffentlichen, die gegen die gängige Hypothese sprechen, dass es sich bei Morbus Crohn um eine Autoimmunkrankheit handelt. Bei Morbus-Crohn-Patienten ist die körpereigene Antibiotika-Barriere der Darmwand, welche den Körper vor dem Eindringen von Bakterien schützt, primär defekt. Dadurch dringen Bakterien der normalen Darmflora in die Darmschleimhaut ein und es kommt zu einer Aktivierung des nachgeschalteten Immunsystems. Folge dieses Barrieredefekts ist eine chronische Entzündung des Darms – die Entstehung von Morbus Crohn.
„Die Entdeckung dieser Mechanismen ist ein entscheidender Schritt zum neuen Verständnis von Morbus Crohn“, erläutert Dr. Wehkamp. „Ging man zuvor davon aus, dass es sich dabei um eine Autoimmunerkrankung – das heißt eine durch eine primäre Fehlsteuerung der Immunzellen entstehende Erkrankung – handelt, wissen wir nun, dass Morbus Crohn eigentlich eine sekundäre Entzündung darstellt und die gestörte Bakterienabwehr an der Schleimhautoberfläche am Anfang der Erkrankung steht.“
Dass diese defekte Barriere bei den Patienten, die im Dünndarm erkranken, auf die Störung bestimmter Dünndarmzellen – der Paneth-Zellen – zurückzuführen ist, konnte nun im weiteren Verlauf der Arbeiten belegt werden. Eine der Hauptaufgaben der Paneth-Zellen besteht darin, in großem Maße körpereigene Antibiotika, so genannte Defensine, zu bilden. Die Arbeitsgruppe konnte einen weiteren Mechanismus hinter diesem Defekt identifizieren: eine Störung der Stammzelldifferenzierungs-Signalwege. Durch eine gestörte Differenzierung von epithelialen Stammzellen in die Paneth-Zellen sind diese nicht mehr in der Lage, ausreichend Defensine zu bilden – und machen so für die Bakterien der Darmflora den Weg in die Darmwand frei.
Neue Therapien
„Diese Erkenntnisse bedeuten aus unserer Sicht in Zukunft fundamentale Änderungen für die Therapie von Morbus Crohn“, so Dr. Wehkamp. „Derzeit wird bei der Behandlung darauf gesetzt, Entzündungsreaktionen zu blocken. Die dazu notwendigen Medikamente haben vor allem bei dauerhaftem Einsatz außer Nebenwirkungen auch eine nur begrenzte Effektivität. Auf Basis unserer Ergebnisse können wir hoffentlich in Zukunft an der Ursache der Krankheit ansetzen. Und das heißt, dass die Therapie der Zukunft die intakten, schützenden Teile des Immunsystems stärken muss, um den Defekt der Paneth-Zellen und andere Defensindefekte zu kompensieren – durch Arzneimittel mit körpereigenen Antibiotika oder mit Stoffen, die die Defensine-Produktion anregen.“
Thannhauser-Preis
Der Thannhauser-Preis wird von der DGVS alle zwei Jahre verliehen. Er gilt als der renommierteste Preis der DGVS für Ärzte bis zu einem Alter von
40 Jahren. Ausgezeichnet werden hervorragende und wegweisende wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert.
Seit zwölf Jahren arbeiten Dr. Wehkamp und Prof. Dr. Eduard Stange gemeinsam an diesem Konzept. 2007 wurde die Arbeit in das Emmy Noether- Exzellenzprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft aufgenommen. Neben der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurde die Arbeit von der Robert Bosch Stiftung, der Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung sowie von der Deutschen Morbus Crohn / Colitis Ulcerosa Patienten Vereinigung (DCCV) unterstützt. Neben der Leitung der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe arbeitet Dr. Wehkamp als Arzt und betreut unter der Leitung von Prof. Dr. Stange die Patienten in der Morbus-Crohn- und Colitis-Ulcerosa-Ambulanz des RBK, die auf Zuweisung schwierige Fälle mitbehandelt und mittlerweile zu den größten Ambulanzen für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen im süddeutschen Raum zählt.
Bildmaterial auf Anfrage

Quelle: Robert-Bosch-Krankenhaus
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