10. September 2009 | Robert-Bosch-Krankenhaus

Mit Klängen gegen die Sturzgefahr

Internationales Forschungsprojekt zur Sturzprävention älterer Menschen vorgestellt

Die Gefahr und die Folge von Stürzen gehören zu den häufigsten Gründen, die ältere Menschen zwingen, ihre selbstbestimmte Lebensweise aufzugeben. Dass telemedizinische Technologie zum unmittelbaren Schutz vor Stürzen sowie zu deren Vorbeugung einen wesentlichen Beitrag leisten kann, hat das internationale Forschungsprojekt SensAction-AAL (Sensing and action to support mobility in ambient and assisted living) gezeigt, an dem das Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) in Stuttgart gemeinsam mit der Universität Tel Aviv (Israel) und dem Universitätskrankenhaus in Groningen (Niederlande) teilgenommen hat. Die Projektleitung lag bei der Technischen Universität in Bologna (Italien). Das Projekt wurde im Rahmen des 6. EU-Rahmenprogramms zur Forschungsförderung mit vier Millionen Euro unterstützt.

Entwickelt wurde der Prototyp eines am Körper getragenen Bewegungssensors, über dessen akustische Signale und Vibrationen Patienten sichere Bewegungen erlernen und kritische Körperhaltungen rechtzeitig korrigieren können. Im Rahmen einer internationalen Tagung im Bosch Haus Heidehof in Stuttgart wurden die Ergebnisse heute vorgestellt.

Patienten, die unter PSP (Progressive supranukleäre Blickparese, Progressive Supranuclear Palsy) als einer drastisch verlaufenden Form der Parkinson-Krankheit leiden, sind besonders sturzgefährdet. Ihr Gleichgewichtsorgan ist komplett ausgefallen, sie können keine gezielten und automatisierten Bewegungen mehr umsetzen. Im Rahmen der Studie trainierten Therapeuten am RBK unter Leitung von PD Dr. Clemens Becker, Chefarzt der Klinik für Geriatrische Rehabilitation, mit einer zehnköpfigen Gruppe von PSP-Patienten, über den Einsatz eines Bewegungssensors den Verlust des Gleichgewichtsorgans durch andere Sinnesorgane zu kompensieren und auf diese Weise unabhängige Bewegungen auszuführen.

Akustische Signale

Dabei wurden die Patienten über einen Gürtel mit einem Bewegungssensor ausgestattet. Dieser zeichnet fortwährend Bewegungssignale auf, misst die Körperhaltung des Trägers und gibt dem Patienten akustische Rückmeldungen zu den ausgeführten Bewegungen.

Bewegt sich der Patient in einer gefährlichen Körperhaltung und droht zu stürzen, ertönt ein bestimmtes Warnsignal. Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung die Gefährdung nicht mehr selbst wahrnehmen, prägen sich im Laufe des Trainings diesen Warnton ein und können rechtzeitig darauf reagieren, um den drohenden Sturz abzufangen. Bei der ersten Testreihe konnte festgestellt werden, dass das Gerät nach mehrwöchigem Training bei manchen Patienten entbehrlich wurde: Bewegten sie sich in einer Position, in der das Gerät während des Trainings das akustische Signal gesendet hatte, riefen sie sich automatisch den gewohnten Ton ins Gedächtnis und konnten in ihren Bewegungen selbstständig gegensteuern.

Sichere Bewegungen erlernen

Nach dem gleichen Prinzip funktioniert der Einsatz des Geräts zur langfristigen Sturzprävention: Mit Unterstützung von Therapeuten trainierten die Patienten sichere Bewegungen, zum Beispiel beim Gehen. Erst wenn sie den Fuß in einer sicheren Position aufgesetzt hatten, ertönte ein angenehmer Klang. Ziel des Trainings war, diesen Ton zu erreichen und so sichere Bewegungen zu automatisieren.

Als drittes erfolgreiches Einsatzgebiet ließ sich im Rahmen der Testphase die Überwindung von Bewegungsblockaden feststellen. Eine innere Blockade hindert Parkinson-Patienten häufig daran, bestimmte Bewegungen vollständig auszuführen. Durch den Einsatz von akustischen Signalen und Vibrationen konnte bei den untersuchten Patienten auch hier eine Verbesserung der Bewegungsfähigkeit erreicht werden.

Ausweitung der Studie

„Für PSP-Patienten, für die es bislang keinerlei Therapiemöglichkeiten gibt, bedeuten die Ergebnisse des Projekts ein hoffnungsvolles Signal“, erläutert Chefarzt Dr. Becker. „Die möglichen Anwendungsgebiete dieses telemedizinischen Ansatzes gehen aber viel weiter. Ziel ist, das Training auf ebenfalls sturzgefährdete Patientengruppen wie nach einem Schlaganfall oder einer Amputation zu übertragen. Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass das getestete Prinzip in die richtige Richtung geht. Der nächste Schritt – voraussichtlich im kommenden Jahr – wird sein, diese Ergebnisse auf eine breitere Datenbasis zu stellen.“

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