15. September 2009 | Robert-Bosch-Krankenhaus
Stuttgarter jüdische Ärzte während des Nationalsozialismus
Einladung zum Vortrag im Robert-Bosch-Krankenhaus
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 begann in Deutschland eine systematische und juristisch legitimierte Ausschaltung aller jüdischen Ärzte. In langjähriger Rekonstruktionsarbeit setzte sich Susanne Rueß, Ärztin in der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Robert-Bosch-Krankenhaus, im Rahmen ihrer Dissertation mit den Schicksalen von fast 90 jüdischen Ärzten Stuttgarts auseinander. Vier Beispiele stellt sie im Rahmen eines Vortrags am kommenden Montag, 21. September 2009, um 20 Uhr im Pavillon 3 des Robert-Bosch-Krankenhauses vor. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
Nach einer kurzen Einführung in die Methodik der Arbeit und den aktuellen Stand der Wissenschaft spricht Susanne Rueß zunächst über den Weg von
Dr. Erwin Hirsch, Nervenarzt und Psychoanalytiker. Über seine Emigration nach Palästina im Jahr 1933 und seine weitere persönliche und berufliche Entwicklung konnte seine Tochter Auskunft geben, die heute in Haifa lebt und mit Susanne Rueß im Austausch steht.
Die zweite Biographie ist diejenige von Dr. Sigmund Karpeles, niedergelassener Urologe in Stuttgart, der seine Patienten teilweise heimlich und unentgeltlich weiterbehandelte, bis er in ein jüdisches Altersheim umgesiedelt und schließlich nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert wurde.
Zu den zahlreichen Emigranten gehörte auch Dr. Ruth Selke-Eissler, 1933 als Assistenzärztin in einem Stuttgarter Krankenhaus tätig, die über Wien, Zürich und Chicago bis nach New York gelangte, wo sie als anerkannte Psychoanalytikerin arbeitete.
Umfangreiche Materialien über das Schicksal von Dr. Martin Sondheimer stammen aus einem intensiven Briefkontakt, den Susanne Rueß mit der Ehefrau des Stuttgarter Internisten geführt hat. 1938 emigrierte Dr. Sondheimer mit seiner Familie in die USA, wo er in Ohio eine neue Praxis aufbaute und bis über das 80. Lebensjahr hinaus arbeitete.
„Die ausgewählten Biographien stehen repräsentativ für die vielen Einzelschicksale jüdischer Ärzte aus Stuttgart während der Zeit des Nationalsozialismus“, so Susanne Rueß. „Von den zahlreichen – häufig aus traditionsreichen Arztfamilien stammenden – jüdischen Medizinern wurde nach Kriegsende nur ein einziger wieder in der Stadt tätig. Die Arbeit will einen Beitrag zur Erforschung dieser Lebensläufe leisten, die bislang nicht im Fokus der NS-Aufarbeitung in Stuttgart standen.“
Die Arbeit von Susanne Rueß wird ab Mitte November 2009 im Buchhandel unter dem Titel „Stuttgarter jüdische Ärzte während des Nationalsozialismus“, Verlag Königshausen & Neumann, ISBN 978-3-8260-4254-6, erhältlich sein.
Die Teilnahme an dem Vortrag ist kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
