Leistungsspektrum
Telemedizinische Betreuung bei schwerer Herzschwäche

Die Voraussetzungen für Telemedizin scheinen optimal: technische Komponenten sind klein genug geworden für den Einbau in medizinische Geräte und Funkstandards haben sich etabliert. Gleichzeitig fordert der Kostendruck im Gesundheitswesen Alternativen zur klassischen Versorgung. Welchen Beitrag die Telemedizin dazu leisten kann, ist Schwerpunkt einer klinischen Studie am Robert-Bosch-Krankenhaus und der Berliner Charité, die seit Januar 2008 läuft.
Die Studie TIM-HF (Telemedical Interventional Monitoring in Heart Failure) läuft prüft erstmals die medizinische Überlegenheit und den ökonomischen Nutzen einer zusätzlichen telemedizinischen Betreuung von Herzinsuffizienz-Patienten. Die kontrollierte randomisierte multizentrische Studie ist derzeit die größte weltweit laufende Telemedizin-Studie zur chronischen Herzinsuffizienz.
Studienkonzept
Bis April 2008 wurden 600 Patienten mit schwerer Herzschwäche (LVEF <35%) eingeschlossen. Davon wurden 300 nach dem Zufallsprinzip der „Telemedizin-Gruppe“ und weitere 300 der „Kontroll-Gruppe“ zugeteilt. Bei den Patienten der Telemedizin-Gruppe sind für die einjährige Laufzeit der Studie verschiedene Messgeräte zuhause installiert worden. Die teils deutlich über 80-jährigen Teilnehmer können diese Geräte problemlos bedienen.

Zu den Vitalparametern, die bei den Patienten der Telemedizin-Gruppe erfasst werden, gehört beispielsweise das Gewicht. Die Waage besitzt dafür einen Zusatzchip, der die Messwerte automatisch mithilfe eines Spezialhandys via Mobilfunk an das Telemedizinische Zentrum am RBK oder der Charité überträgt.

Hier überwachen Ärzte der Abteilung für Kardiologie und spezialisiertes Pflegepersonal rund um die Uhr die von den Teilnehmern eintreffenden Daten. Neben dem Gewicht kontrollieren sie täglich auch den Blutdruck und ein 3-Kanal-EKG (120 sec.). Darüber hinaus schickt der Patient täglich eine Selbsteinschätzung über sein aktuelles Befinden an das Telemedizinische Zentrum (TMZ).
Wenn sich der Gesundheitszustand eines Patienten verschlechtert, können die Ärzte frühzeitig eingreifen – noch bevor eine stationäre Einweisung unumgänglich wird. Für den Notfall können die Patienten dank ihres Hausnotrufgeräts per Knopfdruck Kontakt mit dem Telemedizinischen Zentrum aufnehmen.
Von dort kann über eine Vernetzung mit den Rettungsleitstellen Baden-Württembergs der Notarzt alarmiert werden. Der Patient wird in der Notfallversorgung dann mittels Dauer-EKG und Sauerstoffsättigung so lange vom TMZ mitbetreut, bis der Notarzt die Verantwortung übernimmt.
Im Verlauf ihrer Erkrankung bleiben die Patienten in der Obhut ihrer behandelnden, niedergelassenen Ärzte (überwiegend Kardiologen) und gehen alle drei Monate zur Visite in deren Praxis. Die beteiligten Ärzte werden regelmäßig über die Daten ihrer Patienten informiert. Besonders schnell erfolgt diese Benachrichtigung, wenn im Telemedizinischen Zentrum auffällige Werte eingehen, wie neue Herz-Rhythmusstörungen oder Gewichtsschwankungen. Nach telefonischer Kontaktaufnahme mit dem Patienten wird in gemeinsamer Absprache von niedergelassenen Ärzten und Ärzten des TMZ das optimale Therapie-Management festgelegt.
Aufgaben des Telemedizinischen Zentrums
- Kontaktaufnahme zum Patienten
- Überprüfen der aktuellen klinischen Situation bei teilweise instabil Erkrankten
- Überweisung zum behandelnden Arzt oder Dosisänderungen der Medikation
- Alarmierung des Notarztes und telemedizinische Unterstützung von Erstmaßnahmen bis zum Eintreffen des Notarztes (zum Beispiel Einsatz eines „Streaming-EKG“)
Das telemedizinische Monitoring erfolgt als zusätzliche permanente Mitbetreuung in Ergänzung zu den regelmäßigen Visiten des Patienten beim Hausarzt und beim Kardiologen. Auch nachts und am Wochenende ist das Telemedizinische Zentrum für alle Teilnehmer jederzeit ansprechbar.
Gesundheitspolitische Relevanz
Die Studie ist eine wesentliche Voraussetzung für „Telemedizin auf Rezept“, d.h. die Aufnahme telemedizinischer Betreuung als Kassenleistung in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen.
Sie läuft im Rahmen des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) geförderten Forschungs- und Entwicklungsprojekts „Partnership for the Heart“ in Zusammenarbeit mit einem Industriekonsortium unter der Führung der Robert Bosch GmbH (mit dabei InterComponentWare AG und Aipermon GmbH & Co KG). Für die das Projekt als assoziierte Partner begleitenden Krankenkassen (Barmer und Bosch BKK) sind auch mögliche gesundheitsökonomische Vorteile von Interesse, z.B. die Vermeidung von Krankenhausaufenthalten.
Sinnvoll eingesetzte Telemedizin kann bei bestimmten Indikationen, wie beispielsweise der Herzinsuffizienz, die Versorgung verbessern; besonders gilt das für medizinisch strukturschwache ländliche Regionen. Entscheidend ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den Telemedizinärzten im Krankenhaus und den niedergelassenen Haus- und Fachärzten.
Bei allen technischen Innovationen gilt aber der Grundsatz „Präsenzmedizin schlägt Telemedizin“: Den direkten Arzt-Patient-Kontakt soll das neu entwickelte Monitoring-System ergänzen, nicht ersetzen.
Kontakt
Marcus Honold
Leiter des Telemedizinischen Zentrums am Robert-Bosch-Krankenhaus
marcus.honold@rbk.de

