30. März 2010 | Robert-Bosch-Krankenhaus

Den Krebs individuell bekämpfen

Gründung eines Molekulardiagnostischen Zentrums am Robert-Bosch-Krankenhaus

Welche Krebstherapie ist langfristig erfolgreich? Häufig zeichnet sich erst nach einer monate- oder jahrelangen Behandlung ab, dass Patienten bei gleicher Diagnose auf Medikamente unterschiedlich ansprechen. Ein Grund hierfür liegt in der individuellen genetischen Veranlagung des einzelnen Patienten. Auch auf molekularer Ebene können klinisch identische Krebs­erkrankungen unterschiedlich ausgeprägt sein. Vor diesem Hintergrund hat in jüngster Zeit die so genannte personalisierte Medizin zunehmend an Bedeutung gewonnen. Deren Ziel ist es, jedem Patienten eine auf sein individuelles genetisches Profil und auf seinen individuellen Tumor angepasste medikamentöse Therapie zur Verfügung zu stellen.

Das Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart (RBK) hat nun ein Molekulardiagnostisches Zentrum gegründet, das die Expertisen bündelt, die für solche individualisierten Therapieentscheidungen notwendig sind. In dem Zentrum arbeiten die Abteilungen für Pathologie und Labormedizin des RBK mit dem Dr. Margarete Fischer-Bosch-Institut für Klinische Pharmakologie (IKP) zusammen, das seit mehr als 15 Jahren die Rolle erblicher Grundlagen für eine verbesserte Arzneimitteltherapie erforscht. Aufgabe des Zentrums ist es, molekulardiagnostische Tests bei Krebserkrankungen durchzuführen und auf deren Basis individuelle Therapieempfehlungen zu geben.

Bündelung von Kompetenzen

„Durch die Zusammenarbeit unserer Pathologen, Pharmakologen und Labormediziner werden in dem neuen Zentrum fachliche Kompetenzen für die unterschiedlichsten Fragestellungen gebündelt“, erklärte Ullrich Hipp, Geschäftsführer des RBK. „Dieses Knowhow kommt natürlich unmittelbar den Patienten am RBK und seinen Standorten Klinik Schillerhöhe und Klinik Charlottenhaus zugute. Darüber hinaus können molekulardiagnostische Untersuchungen auch von externen Partnern – zum Beispiel von niedergelassenen Ärzten oder Krankenhausärzten – angefordert werden. Im Großraum Stuttgart ist dieses Angebot bislang einzigartig.“

„Mit den modernen molekulardiagnostischen Möglichkeiten hat sich ein Paradigmenwechsel in der Therapie von Krebserkrankungen vollzogen“, erläutert der Leiter des IKP, Prof. Dr. Matthias Schwab. „Therapieentscheidungen werden zunehmend nicht mehr auf der Basis empirischer Erfolgswahrscheinlichkeiten getroffen und nach dem Gießkannenprinzip eingesetzt. Indem vielmehr die individuellen genetischen Voraussetzungen die Basis für den Einsatz von Medikamenten bilden, bleiben dem Patienten wirkungslose Behandlungsversuche und mögliche schwere Nebenwirkungen erspart. Diese Vorteile zeigen sich zum Beispiel deutlich bei der Therapie von Brustkrebs.“

Beispiel Brustkrebs

Seit rund 25 Jahren wird in der Behandlung von Brustkrebs standardmäßig der Wirkstoff Tamoxifen eingesetzt. Bei rund 30 Prozent der Patientinnen kommt es jedoch nach einer Behandlung von fünf bis zehn Jahren zu Rückfällen. In der jüngsten Vergangenheit konnte durch wegweisende Forschung des IKP am Robert-Bosch-Krankenhaus gezeigt werden, dass die erblichen Grundlagen der Patientinnen eine wichtige Rolle für die langfristige Wirksamkeit von Tamoxifen spielt: Fehlt einer Patientin ein bestimmtes Enzym (CYP2D6), wird Tamoxifen im Körper nicht zum eigentlichen Wirkstoff „aktiviert“. Auf der Basis einer molekulardiagnostischen Untersuchung ist es aber möglich, schon vor Beginn der Therapie festzustellen, welche Patientin die höchste Wahrscheinlichkeit hat, auf eine Tamoxifentherapie anzusprechen. Sollte Tamoxifen für eine Patientin aufgrund ihrer genetischen Ausstattung nicht geeignet sein, kann ohne Zeitverlust eine alternative Therapie (Aromatasehemmer) eingesetzt werden.

Über eine DNA-Untersuchung wird geprüft, ob die Patientin über das Enzym CYP2D6 verfügt. Dazu schickt der behandelnde Gynäkologe eine Blutprobe der Patientin an das Molekulardiagnostische Zentrum des RBK, wo der Gentest durchgeführt wird. Der Befund wird von einem fachkundigen Arzt bewertet und dem behandelnden Arzt innerhalb weniger Tage mit einer Information über die erforderliche Arzneimitteltherapie übermittelt. „Die jahrzehntelange Expertise am IKP zu dem Enzym CYP2D6 ist für diese Befundung eine große Bereicherung“, so IKP-Leiter Prof. Schwab.

Individuelle Therapie bei Lungen- und Darmkrebs

Molekularbiologische Analysen bilden auch die Basis für den gezielten Einsatz von Chemotherapien. Beim Darmkrebs weist rund die Hälfte der Tumoren eine bestimmte genetische Variation im KRAS-Gen auf. Ist diese bekannt, kann die Chemotherapie so eingesetzt werden, dass ein bestimmter Signalpfad in der Zelle, der zum Wachstum des Tumors führt, gestört wird.

Auch beim Lungenkrebs eröffnet die Identifizierung einer bestimmten genetischen Mutation besonders erfolgsversprechende Therapieoptionen: Bei rund 20 Prozent der Patienten lässt sich eine Mutation im Gen des EGF-Rezeptors feststellen. Diese Patienten können von einer speziellen Therapie mit Hemmstoffen profitieren, die gegen eben diesen Rezeptor gerichtet sind.

Verzahnung mit Krebszentren

„Im Rahmen des Molekulardiagnostischen Zentrums am RBK führen wir derzeit molekulare Testungen an Dickdarm- und Lungentumoren sowie an Tumoren des blutbildenden Systems – das heißt Leukämien und Lymphome – und der Brustdrüse durch. Für alle diese Untersuchungen wurden wir von der Deutschen Gesellschaft für Pathologie zertifziert“, erläutert der Chefarzt der Abteilung für Pathologie, Prof. Dr. German Ott. „Vertreter des Molekulardiagnostischen Zentrums nehmen an den Tumorkonferenzen der interdisziplinären Krebszentren am RBK teil, in denen die Therapie jedes einzelnen Patienten individuell festgelegt wird. In diesem Rahmen fließen die Ergebnisse der molekularen Tumoruntersuchungen unmittelbar in die Therapiestrategie ein.“

Flächendeckendes Angebot

„Viele Krebstherapien können heute ambulant durchgeführt werden“, erklärt der Chefarzt der Abteilung für Labormedizin, Prof. Dr. Cornelius Knabbe. „Als Kooperationspartner der Krebszentren am RBK können auch niedergelassene Fachkollegen – Frauenärzte, Internisten, Onkologen oder operativ tätige Ärzte – auf die Expertise und die diagnostischen Ergebnisse des Molekulardiagnostischen Zentrums zugreifen. Derzeit führen wir bereits konsiliarische molekularbiologische Untersuchungen für andere Stuttgarter Kliniken und Praxen sowie weitere Therapiezentren inner- und außerhalb Baden-Württembergs durch. Mit der Gründung des Molekulardiagnostischen Zentrums am RBK soll dieser Service flächendeckend zur Verfügung gestellt werden.“

Vorbereitung einer molekulardiagnostischen Untersuchung
Vorbereitung einer molekulardiagnostischen Untersuchung

Quelle: Robert-Bosch-Krankenhaus
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