13. November 2017 | Robert-Bosch-Krankenhaus

Stuttgarter Forscher wollen Brustkrebstherapie durch personalisierte Medizin revolutionieren

Forscher des Dr. Margarete Fischer-Bosch-Institut für Klinische Pharmakologie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart legen Grundlagen für neues Brustkrebsmedikament

  • Individualisierte Medizin kann Therapieerfolg bei Brustkrebs erhöhen
  • Forscher des Dr. Margarete Fischer-Bosch-Institut für Klinische Pharmakologie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart legen Grundlagen für neues Brustkrebsmedikament
  • Neues Arzneimittel wird unter Berücksichtigung erblicher Merkmale entwickelt
  • Studie für neues Brustkrebsmedikament startet 2018

Personalisierte Medizin ist in aller Munde. Sie ist für viele Patienten ein Hoffnungsschimmer, denn sie verspricht bessere Therapie- und Behandlungsergebnisse. Dieser Zweig der medizinischen Forschung ist noch sehr jung und neue Konzepte sind nötig, um die Chancen der individualisierten Medizin für die Patienten nutzbar zu machen. Ein wichtiger Forschungsaspekt ist die Berücksichtigung genetischer Merkmale bei der Wirkung von Arzneimitteln.

BMBF fördert individualisierte Medizin
Das Stuttgarter Dr. Margarete Fischer-Bosch-Institut für Klinische Pharmakologie (IKP) am Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) forscht seit vielen Jahren auf diesem Gebiet und gehört zu den weltweit führenden Institutionen der sogenannten Pharmakogenomik. Ein aktuelles Projekt des IKP wird im Rahmen des Aktionsplans „Individualisierte Medizin“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Ziel der Initiative ist es neue Perspektiven in der Behandlung von Patienten und für Innovationen in der Gesundheitswirtschaft zu eröffnen – vor allem aber, dass Patienten schneller von medizinischen Therapien und Produkten profitieren können. Dazu soll die Expertise aus Wissenschaft, Klinik und Wirtschaft für Diagnostik und Therapie zusammengebracht werden. Das geförderte Projekt Tamendox setzt genau an diesem Punkt an, um die antihormonelle Therapie bei Brustkrebs zu optimieren.

Genetische Merkmale beeinflussen Therapieerfolg bei Brustkrebs
Derzeit erkrankt jede achte Frau im Laufe Ihres Lebens an Brustkrebs. Das Mammakarzinom ist damit die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Obwohl immer mehr Frauen an Brustkrebs erkranken, sterben dank Früherkennung und  gezielter Therapie immer weniger daran. Die Arzneimitteltherapie spielt dabei eine herausragende Rolle. Das Wachstum der meisten Brusttumore wird durch die Bindung von Östrogen am Östrogenrezeptor stimuliert. Seit mehr als vierzig Jahren ist das Medikament Tamoxifen als anti-östrogene Therapie im klinischen Einsatz erfolgreich. Wie bei allen Krebstherapien gibt es aber selbst bei früher Diagnose auch für Tamoxifen keine hundertprozentigen Erfolgschancen. Während der erforderlichen langen Zeit der Medikamenteneinnahme und den nachfolgenden Jahren sind die Patientinnen einem Rückfallrisiko ausgesetzt. Bei etwa einem Drittel keimt der Krebs innerhalb von 15 Jahren wieder auf. „Einer der Gründe dafür ist, dass viele Patientinnen ein bestimmtes Enzym nicht haben, das als Biokatalysator wirkt, um das Medikament Tamoxifen in das wirksame Stoffwechselprodukt Endoxifen umzuwandeln“, erklärt Prof. Dr. Hiltrud Brauch, Leiterin der Brustkrebsforschung am IKP. Aufgrund einer natürlichen genetischen Veränderung verfügen rund acht Prozent der europäischen Bevölkerung nicht über dieses Enzym, bei weiteren 33 Prozent hat es eine geringe Aktivität.

Optimierung der Therapie bei Brustkrebs
Auf dieser Erkenntnis baut Tamendox auf: Unter Berücksichtigung erblicher Merkmale verfolgt das Konsortialprojekt das Ziel, die Therapie mit Tamoxifen für Patientinnen mit Brustkrebs auf der Basis ihres individuellen Genoms zu verbessern. „Das Projekt ist ein Paradebeispiel für das Konzept der individualisierten Medizin und unterstreicht die herausragende Bedeutung der akademischen Forschung für die Arzneimittelentwicklung von der Grundlage bis hin zur klinischen Anwendung“, erklärt Prof. Dr. Matthias Schwab, Leiter des IKP und Lehrstuhlinhaber für Klinische Pharmakologie der Universität Tübingen.

Studie soll Wirksamkeit belegen
Schwab und sein Team am IKP haben die Forschungsgrundlagen geschaffen, um in einer Studie die Machbarkeit ihres Ansatzes zur individualisierten Brustkrebstherapie mit Tamoxifen zu belegen. „Geringe Gaben von Endoxifen könnten bei Patientinnen ohne oder mit eingeschränkter Tamoxifen-Bioaktivierung zu einer ausreichend hohen Endoxifen-Konzentration im Blut führen – und damit eine erfolgreiche Therapie mit Tamoxifen versprechen“, so Schwab. „Computer-basierte Modellrechnungen haben gezeigt, dass dies möglich ist und dass sich die dafür erforderlichen Dosen an Endoxifen berechnen lassen.“ Die Patientinnen erhalten nur die ihnen persönlich fehlende Menge an Endoxifen, um im Blut Konzentrationen zu erreichen, wie sie bei normaler Enzymfunktion unter einer Standardtherapie auftreten würden. Somit besteht kein zusätzliches Risiko für Nebenwirkungen. Das vorrangige Ziel der Tamendox-Studie ist die Bestimmung der erreichbaren Endoxifen-Plasmaspiegel unter Gabe der Kombination von Tamoxifen und Endoxifen. Der Studienbeginn ist für Frühjahr 2018 geplant. In Zusammenarbeit mit verschiedenen industriellen Partnern kann die Studie innerhalb weniger Monate deutschlandweit durchgeführt und so die Voraussetzung geschaffen werden, dass eine behördliche Zulassung eines neuen Medikaments zur individualisierten Brustkrebstherapie zeitnah möglich wird.

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